Der Schatten im Mond

Der Schatten im Mond

Der Schatten im MondBarbara Herrmann

Nach dem Tod ihrer Mutter findet Jolanda in deren Nachlass eine Schatulle mit Briefen und Fotos. Ihre vermeintlich heile Welt stürzt ein, als sie erfährt, dass ihre verstorbenen Eltern gar nicht ihre leiblichen Eltern waren. Sie begibt sie sich auf die Reise in den Schwarzwald und nach Sizilien, um die Familiengeheimnisse ihrer Stiefmutter zu lüften und ihre richtigen Eltern zu finden. Bei ihrer Suche tun sich ungeahnte menschliche Abgründe auf, die sich noch über Jahrzehnte bis in die Gegenwart auswirken.

Ein bewegender Roman über eine Familie, die den strengen und althergebrachten Werten sowie den Vorurteilen gegenüber den italienischen Gastarbeitern zu Beginn der Sechzigerjahre Tribut zollen muss, auf diese Weise ihren inneren Zusammenhalt verliert und letztendlich daran zerbricht.

ISBN – Print 978-3-740712594     9,99 €
ISBN E-Book 978-3-740736705    5,99 €
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Leseprobe:

 

Jolandas Herz klopfte ihr bis zum Hals. Was würde sie hier antreffen? Und was war geschehen, dass ihre Mutter ihre Familie verschwiegen hatte? Aber Florentine war ja gar nicht ihre Mutter. Dieser Gedanke, mit dem sie sich erst anfreunden musste, schmerzte sie ganz besonders. Sie hatte eine Frau als Mutter geliebt, die mit ihr eigentlich gar nichts zu tun hatte. Oder doch irgendwie? Wer war ihre leibliche Mutter, und warum hatte sie sie weggegeben?

Plötzlich stand ein ungepflegter Mann mittleren Alters vor ihr. „Suchen Sie jemanden?“, fragte er unwirsch. Er musste wohl aus dem Haus herausgekommen sein. Jolanda hatte es gar nicht bemerkt, so sehr war sie in ihre Gedanken verstrickt gewesen.

Spontan streckte sie ihm die Hand hin. „Ich bin Jolanda Mayer, guten Tag. Gehören Sie zur Familie Abele?“

„Ich kenne keine Leute namens Mayer. Was wollen Sie von uns?“

Ohne darauf einzugehen, stellte sie eine Gegenfrage: „Wissen Sie, wer Florentine ist?“ Der Typ hatte so eine negative Ausstrahlung, dass sie Mühe hatte, ihre Abneigung zu verbergen.

„Unser Vater hat uns einmal erzählt, dass er zwei Schwestern hat, er weiß aber nicht, wo sie abgeblieben sind. Mein Opa hat sie irgendwann aus dem Haus gejagt.“

„Ihr Opa hat seine Töchter verjagt?“

„Na und! Wird wohl seine Gründe gehabt haben. Sie können deshalb auch gleich wieder verschwinden.“

Der Mann machte kehrt und wollte wieder ins Haus zurück, doch Jolanda rief ihm hinterher: „So warten Sie doch. Ich bin extra hierhergekommen, um etwas über die Familie zu erfahren. Florentine ist vor Kurzem gestorben.“

Sie fasste sich vor Wut an die Stirn. Dieser ungehobelte Kerl wusste tatsächlich, wie die beiden Schwestern seines Vaters hießen, wusste eventuell auch, was geschehen war, und schickte sie einfach mit wenigen lapidaren Worten weg.

Er kam ein paar Schritte zurück und lachte zynisch. „Ich kann Ihnen nicht helfen. Wenn sie tot ist, dann lassen Sie doch die Geister ruhen. Mein Vater ist alt und krank, den müssen Sie wegen so etwas nicht aufregen.“

Jolanda trat auf ihn zu und wollte ein letztes Mal versuchen, ihn zu erweichen. Krampfhaft kämpfte sie deshalb dagegen an, nicht versehentlich die harte Geschäftsfrau herauszuhängen, die in der Lage war, bockigen Widerstand zu brechen. In diesem speziellen Fall war das vermutlich nicht der richtige Weg.

„Ich möchte Ihren Vater wirklich nicht aufregen, sondern würde mich freuen, den Bruder meiner Mutter kennenzulernen und vielleicht etwas über ihre gemeinsame Jugend oder die andere Schwester zu erfahren. Bitte!“

Jolandas Augen bettelten ihn an, und am liebsten hätte sie ihn am Arm gefasst, aber das wagte sie nun doch nicht. Der Mann stank nämlich aus allen Poren, selbst auf drei Meter Entfernung.

Sie redete einfach weiter. „Ich wusste bis vor Kurzem gar nicht, dass meine Mutter eine Schwester hatte, und von einem Bruder ahnte ich bis heute nichts. Das ist doch eigentlich etwas Schönes, wenn man seine Familie findet. Bitte helfen Sie mir.“ Jolanda hielt inne, denn eigentlich war diese Bettelei um Anstand überhaupt nicht ihr Ding. Aber sie musste alle Register ziehen. „Wie heißen Sie denn eigentlich, und was fehlt Ihrem Vater?“, versuchte sie ihn abzulenken.

Innerhalb einer Sekunde veränderte sich plötzlich sein Verhalten, und sein Gesicht verzog sich zu einer hässlichen, jähzornigen Fratze, während er mit erhobener Faust auf sie zukam.

Als er vor ihr stand, schnappte er ihre Jacke unterhalb des Kragens und drehte mit der Hand am Stoff, bis das Gewebe eng wurde und Jolanda die Luft zum Atmen nahm. Dann kam er ihr mit seinem Kopf und somit auch mit seinem penetranten Mundgeruch ganz nahe, sodass der Gestank und die Atemnot Panik und Angst in ihr aufsteigen ließen. Seine hervorstechenden, kalten Augen taten ihr Übriges.

„Hier auftauchen und auf heile Familie machen wollen, das ist nicht, Lady. Eher bring ich euch um. Lasst uns in Ruhe, uns haben ohnehin alle beschissen. Verschwinden Sie, aber flott!“, schrie er. Dann ließ er sie los, stieß sie mit einer kraftvollen Bewegung weg, drehte sich um und lief zurück zum Haus.

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