Oma dreht durch

Oma dreht durchOma dreht durch – Barbara Herrmann

Oma Gerda hat die Nase voll. Sie hat ihren starrköpfigen, dominanten Ehemann überlebt und ist sich sicher, dass es jetzt nur noch besser werden kann. Doch anstatt endlich das Leben neu zu beginnen, wird sie von ihrer Tochter und deren Kindern eingespannt.

Als sie eines Tages das Zimmer ihrer Enkelin aufräumt, stolpert sie über deren E-Gitarre. Wie unter Zwang legt sie los und lässt die Rock ’n‘ Roll-Zeit ihrer Jugend wiederauferstehen.

Der kurze Ausflug in die Vergangenheit legt in Gerda einen Schalter um. Sie erinnert sich an das alte Motorrad ihres Mannes, das immer noch im Schuppen steht, packt einen Koffer und ihre winzige Rente und verlässt das Haus. Eine abenteuerliche Reise beginnt, in deren Verlauf Gerda sogar eine Musikerkarriere startet …

Ein turbulenter und kecker Roman über das Leben der alten Junggebliebenen – erzählt mit einem Augenzwinkern und einer großen Portion Humor.

 

Zu beziehen über den Buchhandel und Online-Buchhandel.

Print: ISBN 978-3740705633  9,99 €
E-Book: ISBN 978-3740792350   5,99 €

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Leseprobe:

Endlich war es so weit. Es konnte losgehen. Das Motorrad war fertig und schnurrte wie ein Kater. Ab heute würde Gerda frei sein, frei wie ein Vogel im Wind.
Es war Vormittag, ihre beiden Enkelinnen waren in der Schule und ihre Tochter in ihrer Kanzlei. Wie immer um diese Zeit war sie allein im Haus. Und auch wie immer musste sie jetzt eigentlich im ersten Stock die Schlafzimmer aufräumen und die Betten machen. Schließlich war sie ja so etwas wie die Haushälterin ihrer Familie.
Aber heute war alles anders. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als sie das Zimmer ihrer Enkelin Josefine betrat. Doch anstatt mit der Arbeit zu beginnen, griff sie nach der Gitarre, die wie üblich in der Ecke stand. Genau vor drei Monaten, an einem Montag, hatte sie auch hier gesessen und sich mit der Gitarre in der Hand zum ersten Mal nach mehr als einem halben Leben der Unterdrückung so richtig wohl gefühlt.
Und genau wie vor eben diesen drei Monaten griff sie auch jetzt in die Saiten, entlockte der E-Gitarre die ersten Töne und schmetterte mit lauter Stimme: „It’s now or never, come hold me tight. Kiss me my darling, be mine tonight …“
Am Ende des Liedes kullerten dann ein paar Tränen. Die Gefühle überwältigten sie einfach, denn heute begann ein neues Leben, ein Leben, von dem sie keine Ahnung hatte, wie es ablaufen würde. Ein Leben, das ebenso beschissen wie phantastisch sein konnte. Mit fünfundsechzig ging es ab in die Zukunft.
Energisch stellte sie die Gitarre an ihren Platz, ging nach unten in ihr Zimmer, zog den gepackten kleinen Reisekoffer, der noch aus den Fünfzigern stammte, unter dem Kleiderschrank hervor und stellte ihn an die Tür. Raus aus dem Kleid und rein in die Lederkluft ihres verstorbenen August, Motorradmütze und Motoradbrille auf, Handtasche umgehängt, ein letzter Blick in den Spiegel – und dann rauf auf die Maschine und ab ging die Post.
Zwei Stunden lang fuhr sie über die Dörfer und Landstraßen in Richtung Norden, bis sie an einer großen Tankstelle den ersten längeren Stopp machte. Mit einem Kaffee und einem Brötchen setzte sie sich an einen Tisch, an dem bereits ein älterer Herr seine Suppe löffelte.
Nachdem er Gerda eine Weile aus den Augenwinkeln betrachtet hatte, fragte er voller Neugier: „Na, als Motorradbraut unterwegs?“„Klar doch. Und du? Etwa als Rentner?“
„Natürlich, das sieht man doch. Aber auch ich habe eine Motorradhose an. Schau!“ Er erhob sich kurz und drehte sich vor ihr einmal um die eigene Achse. „Ich bin Abraham. Wie heißt du, und wo fährst du hin?“
„Ich heiße Gerda. Und ich bin auf dem Weg nach …“ Gerda erschrak vor ihren eigenen Worten. „Wenn ich ehrlich sein soll, ich weiß nicht, wohin ich fahre. Ich war so frech und bin vor meiner Familie getürmt.“
„Hey, das klingt aber spannend. Wie kommt es, dass du dich dazu entschlossen hast?“
Gerda überlegte einen Moment und begann, herzhaft zu lachen. Als sie sich wieder beruhigt hatte, rutschte sie näher zu ihrem Nachbarn und erzählte ihm: „Ich habe die E-Gitarre meiner Enkelin genommen, It’s now or never geschmettert, mich an meine Jugend und meine Freiheit erinnert und dann beschlossen, meine vierzigjährige Knechtschaft hinter mir zu lassen und noch einmal neu durchzustarten.“
Abraham starrte sie mit offenem Mund an. „Du bist Musikerin?“
„Wenn du das so nennen willst. Ich habe früher in einer Band gespielt und natürlich auch gesungen. Ich war wirklich ein verrücktes Huhn und habe die Zeit des Rock ‘n’ Roll geliebt.“
„Wow, was für eine nette Begegnung. Ich bin auch einer aus dieser Zeit und auch ein Musiker.“
„Und wo wohnst du?“
„Ich lebe in Berlin.“
Gerdas Augen verdunkelten sich, und sie senkte den Kopf. Jetzt musste sie doch ein paar Tränen verdrücken.
„Hast du was, Gerda?“
„Ne, ich habe nur einen sentimentalen Moment. Ich hätte dir gerne gesagt, dass ich in den Urlaub oder eben auch nach Hause fahre. Aber nichts von alledem stimmt. Ich habe kein Zuhause, und ich weiß auch noch nicht, wohin ich fahre.“
Abraham legte ihr den Arm um die Schulter. „Komm, Gerda, fahre hinter mir her in die Hauptstadt. Da pulsiert das Leben, und das ist der richtige Ort, um ein neues Leben zu beginnen.“
„Meinst du?“
„Ja, das meine ich. Ich bringe dich schon vorübergehend irgendwo unter und helfe dir, wo ich kann.“
„Na dann! Auf nach Berlin.“ Gerda lachte über das ganze Gesicht und zog ihre Motorradjacke an.
Abraham folgte ihr, und gemeinsam düsten die beiden Richtung Berlin.

 

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